Von Reiner Gatermann
Ein paar Jahre vor ihrem Tod wurde Astrid Lindgren gefragt, ob sie ein Vorbild für Pippi Langstrumpfs Vater Efraim gehabt habe. Sie antwortete nicht, sie schmunzelte. Aber ihre Schwester Stina berichtete, sie, Astrid und ihr Bruder Gunnar hätten in ihrer Kindheit oft Piraten gespielt und "jeder wollte Carl Pettersson sein". Was dieser Hinweis bedeutete, ist jetzt in Schweden enthüllt worden, in dem von Joakim Langer und Hélena Regius veröffentlichten Buch "Kung Kalle av Kurrekurreduttön" ("König Karl von Taka-Tuka-Land"), das demnächst auch in Deutschland erscheint. Die These: Das Vorbild für Pippis Vater ist ein Herr namens König Karl I. Pettersson - und von dem aus lassen sich Verbindungen zum deutschen Bundespräsidenten Heuss ziehen.
Im Jahre 1898 kam Carl Pettersson aus Sollentuna bei Stockholm in die Südsee, nach Neu-Giunea, von 1884 bis 1914 deutsche Kolonie. Dort arbeitete der Schwede als Arbeiter-Anwerber für die Deutsche Neuguinea Kompanie. Heiligabend 1904 erlitt er vor der Insel Tabar unweit von Neu Mecklenburg mit der "Herzog Johan Albrecht" Schiffbruch und strandete auf der Insel. Dort regierte der Kannibalenkönig Lamys, der zunächst keineswegs begeistert war, dass sich der kräftige Weiße in seine 16-jährige Tochter Singdo verliebte. Doch deren Liebe war stärker, sie heirateten und bekamen zwischen 1910 und 1921 acht Kinder, Knut Wilhelm, Elsa Maria, Carl Axel, Hans Otto, Singdo Victoria, Erik Augustus, John Julius und Max Emil. Es bestand kein Zweifel, dass nach Lamys' Tod "der starke Carl" König von Tabar wurde.
Die schwedische Presse berichtete hin und wieder über "Kung Karl", der nach dem Tod seiner tief geliebten Singdo nach der Geburt von Max Emil zwischenzeitlich nach Schweden zurückkehrte. Carl wurde mit Kopra-Plantagen wohlhabend, verlor alles mit Aktien und sammelte ein zweites Vermögen mit Goldfunden an. Genau so, wie Astrid Lindgren Pippis Vater beschrieb: stark, lieb und reich. König Carl starb 1937, 62 Jahr alt, in Australien. Seine Tochter Elsa Maria, 1911 geboren, heiratete Heinrich Gottlob Hörler, dessen Mutter eine geborene Heuss war. Dazu schrieb 1982 das Bürgermeisteramt Hass-mersheim/Neckar: "Somit ist Herr Hörler mit der Familie des ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Prof. Theodor Heuss, verwandt." Eines der elf Hörler-Kinder, Maria, ist heute mit Michael Chan verheiratet, dem Bruder des Regierungschefs von Papua-Neuguinea, Sir Julian Chan.
Erschienen
in „Die Welt“ am 30.09.2002
von Cosima Lutz
Es ist nämlich so, dass der schwedische Ex-DJ, Ex-Stand-up-Comedian, Sozialarbeiter und Buchautor Joakim Langer unter Einschlafproblemen leidet. So auch in jener denkwürdigen Nacht vom 5. auf den 6. Dezember des Jahres 2000. Auf der Suche nach einer möglichst langweiligen Lektüre stöbert er im Nachlass seines Vaters Pekka, eines sammelwütigen Journalisten. Endlich findet er einen viel versprechenden Wälzer mit dem Titel: "Neue schwedische Geschichte. Gustav V. und seine Zeit 1928-1938", eine Sammlung von Zeitungsartikeln. Als sich die Lider bleiern senken, bleibt sein Blick plötzlich an einem Artikel aus dem Jahr 1935 hängen, vom Vater mit einem Eselsohr markiert: "König Carl Pettersson verkauft sein Königreich".
Langer liest. Mit 17, steht da, sei Pettersson erstmals zur See gefahren und mit 31 auf der kleinen Insel Tabar im Bismarck-Archipel gestrandet. "Er arrangierte sich mit den Kannibalen und heiratete Singdo-Misses, die Tochter des Häuptlings. Sie starb vor fünfzehn Jahren - nachdem sie ihm acht Kinder geschenkt hatte. Nach ihrem Tod heiratete König Pettersson ein zweites Mal. Nun gedenkt er sein Reich zu verkaufen, was kein Problem darstellen dürfte: Pettersson hat auf der Insel Gold entdeckt."
An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken, aber für Joakim Langer beginnt ein Traum. Und eine Reise zurück in die Bücher seiner Kindheit: Thor Heyerdahl, Vasco da Gama, Pippi Langstrumpf. Von einer seltsamen Gewissheit getrieben, sucht er nach weiteren Zeitungsartikeln, frischt seine Pippi-Lektüre auf und durchsiebt den Daten-Ozean des Internets. Sein Kompass: Astrid Lindgren. Der Kapitän, schreibt sie, segelte über die großen Meere, war König von Taka-Tuka-Land, wahnsinnig stark und unermesslich reich. Er schenkte der mutterlosen Pippi eine Schatztruhe. Langer glaubt fest daran, niemand anderem auf den Fersen zu sein als dem wahren Efraim Langstrumpf.
Drei Jahre später präsentiert er den Fund nun auch seinen deutschen Lesern. "Kung Kalle av Kurrekurreduttön" heißt auf deutsch "Pippi und der König", erzählt aber keine Tochter-Vater-Geschichte, sondern malt ein anekdotenbeschwingtes, historisch und ethnologisch fundiertes Porträt des Überlebenskünstlers Pettersson. Sogar ein Teil von Carls Schiffswrack hat Langer mitgebracht, ein türkis verwittertes Eisenrohr zur Befestigung von Lampen, die vielleicht gerade brannten, als am Weihnachtsmorgen 1904 die 110 Fuß lange "Herzog Johan Albrecht" vor Tabar auf Grund lief. Da liegt sie sehr malerisch bis heute. Gefährlich sei es am Wrack, sagt Langer, von Schlangen wimmele es da nur so. Er stellt das eiserne Ungetüm behutsam und stolz auf den Bistro-Tisch im Berliner Park-Inn-Hotel. Und da ist sie. Die Aura.
Was macht er da? Quellenforschung. Nur würde der handelsübliche Philologe seinen Alltagsjob kaum als Beglaubigungsaktion für Kindheitsparadiese verkaufen. Über Motive wie Sendung oder Intuition hält sich der gemeine Germanist schon aus historischen Gründen bedeckt, und sein Text-Begehren wirft nur selten greifbare Fetische wie Lampen oder Enkel ab. Es gehört zu dieser Lese-Reise, dass die Fragen nach dem Nutzen solcher Funde mit leichter Brise angenehm am Horizont verschwinden. Weil es darum geht, ein Ideal in der Wirklichkeit aufzuspüren. Langer und seine Co-Autorin, die Sozialanthropologin und Papua-Neuguinea-Expertin Hélena Regius, wagten eine sentimentale Reise, die auch um die Frage kreist, ob einer der weißen Kolonialherren vielleicht anders als die anderen war.
Als Langers Gruppe die Insel erreichte, die von 1904 bis zu Petterssons Tod 1937 das Reich König Kalles I war, küsste Langer den Sand. "Överreaktion?" schreibt er später ironisch neben das Foto. Das also ist Taka-Tuka-Land, schwedisch: Kurrekurreduttön. Hélena Regius und er finden Gräber und die einstige Residenz, und der Dschungel kann noch so gleichmütig alles überwuchert haben: Immer taucht jemand auf, der sich an "Masta Sale" und Singdo-Misses mit Freude erinnert. Sie treffen Enkel. Und da ist diese Frau, die fest davon überzeugt ist, über Pettersson mit dem schwedischen Königshaus verwandt zu sein: Schließlich hieß der auch Carl, war Schwede und König. Regius erklärt, dass auf Tabar eine nicht-lineare Zeitvorstellung herrsche. Alles Bedeutsame sei nah und gegenwärtig.
"Und das hier ist Pippi!" Joakim Langer deutet auf ein Foto. Es zeigt Carl Petterssons Tochter Elsa, verheiratete Hoerler. "Es kommt noch besser." Kunstpause. Aus einer dicken Mappe zieht er ein Schreiben vom Bürgermeisteramt Hassmersheim, eingegangen bei der deutschen Botschaft in Port Moresby am 26. Februar 1982. Aus Geburtsurkunden, steht da, gehe hervor, "dass die Mutter des Heinrich Gottlob Hoerler eine geborene Heuss ist. Somit ist Herr Hoerler mit der Familie des ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland Professor Dr. Theodor Heuss verwandt, die bekanntlich aus Hassmersheim stammt." Er habe dieses Schreiben schlicht übersehen, im Buch deshalb kein Wort davon. Efraim Langstrumpf und Theodor Heuss sind also so etwas wie Schwiegerlandesväter. "Jetzt sieht man, dass das Ganze auch eine deutsche Geschichte ist", sagt Langer fröhlich, und: "sie ist nie zu Ende". Wer Genaueres über die Verwandtschaft zwischen Hoerler und Heuss wisse, sagt er, möge sich bei ihm melden.
Natürlich ist diese Geschichte auch eine deutsche, und natürlich begegnet man in ihr der Sklaverei. Der 1876 in Sollentuna bei Stockholm geborene Pettersson rekrutierte im Bismarck-Archipel im Auftrag eines deutschen Unternehmens nämlich Plantagenarbeiter - wie viele andere auch - für den Anbau von Kopra, das Kernfleisch der Kokosnuss zur Herstellung von Margarine. Mit der Sklaventreiberei war Schluss, als ihn das Schicksal auf besagte Insel trieb. Sie wurde sein Glück. Nach dem Tod des Häuptling-Schwiegervaters wurde er Chef, und er soll den Bewohnern nicht geschadet haben.
Denn er verfügte wohl über das, was man heute "soziale Kompetenz" nennt. Er schlichtete Stammesfehden und widersetzte sich weißen Konventionen: Singdo, die Häuptlingstochter, nahm er sich nicht etwa zur Geliebten, was erlaubt gewesen wäre, sondern zur rechtmäßigen Ehefrau. Als ihr einmal ein Engländer zu nahe rückte, hob Pettersson ihn mit ausgestrecktem Arm in die Höhe und ließ ihn in einen Hibiskusstrauch plumpsen. Kennt man ja von Efraim und Pippi. Er zahlte guten Lohn, packte selbst mit an und respektierte die Kultur der Inselbewohner - Menschenfresserberichte waren wohl eher dem Sensationshunger der daheim Gebliebenen gezollt.
Astrid Lindgren hat sich nie dazu geäußert, ob Carl Pettersson Vorbild für Efraim Langstrumpf war, der in der 1948 erschienenen Geschichte "Pippi Langstrumpf in Taka-Tuka-Land" Besuch von seiner Tochter bekommt. Das Aufsehen um die lebende Legende "Kung Kalle" dürfte ihr jedoch kaum entgangen sein. Schriftsteller wie Elvira Dahlberg und Birger Mörner waren ihm schließlich auch auf der Spur. Kurz vor ihrem Tod wandte sich Langer an eine enge Freundin Lindgrens und bat sie, doch mal zu fragen. Die schon sehr geschwächte Dichterin konnte jedoch nicht mehr reden. Nach Carl Pettersson gefragt, soll sie gelächelt haben - und genickt.
Und wie geht die Geschichte weiter? Langer weiß, dass er auf den Fotos, die er von Tabar mitgebracht hat, selbst ein wenig so aussieht wie ein Kolonialherr, groß, blond und blauäugig, umgeben von schwarzen Kindern. Sie singen "Jesus hat alle Kinder lieb", ein Missionslied, das man einst ihren Ururgroßeltern beigebracht hatte, und lachen. Auf einem anderen Foto sitzen sie im Kreis, wie auf einer der alten Pippi-Illustrationen von Ingrid Vang Nyman, und statt Pippi liest Hélena Regius ihnen vor. Wird Tabar durch das Buch - und den geplanten Film - zur Langstrumpf-Pilgerstätte? Mit Einheimischen, sagt Langer, habe er bereits Pläne für eine Art Öko-Tourismus geschmiedet, verbunden mit einer Kinderkolonie namens "Singdo", die "armen Kindern aus der ganzen Welt ein Zuhause bieten könnte".
Es gibt einen Punkt, da zieht er die Grenzen zwischen Schreib-Spiel und Lebens-Ernst, die er im Falle Efraim Langstrumpfs so fröhlich durchschritten hat, entschieden wieder hoch. Das Bücherschreiben, meint er, bleibe "Spiel". Sein Vater habe für das Schreiben gelebt, seine Gesundheit ruiniert und sein Leben in Schrift ausgehaucht: Sohn Joakim half ihm noch, seine Memoiren festzuhalten. Seit mehr als zehn Jahren kümmert sich der Mann, der den Phantasie-Vater Efraim Langstrumpf fand, um sozial gestrandete Jugendliche. "In jener Nacht, als ich auf den Pettersson-Artikel stieß", lächelt er, "dachte ich mir: Okay, Papa, dann ist eben jetzt Zeit zu spielen. Er lenkt mich wie mit einem Joystick und sagt mir, wo ich als nächstes suchen soll." Zurzeit schreibt er über Tarzan, Robinson Crusoe war auch schon dran. Vaters Zeitungsarchiv ist Gold wert.
Die Reise an die Quellen von Taka-Tuka-Land kann wohl nicht anders, sie muss in der Kindheit enden. Dort, wo Geschichte noch nicht unabänderlich ist, wo Verlorenes noch ganz leicht in die Gegenwart hinüberstrahlt. Ein einziges Mal liegt in Langers Augen ein wenig mehr Glanz als sonst: "Erinnern Sie sich an die Szene, in der Pippi ganz still vor einer Kerze sitzt, und Tommi und Annika fragen, was sie da macht? ,Ich spreche mit meiner Mutter", sagt sie da. Ist das nicht großartig, ist das nicht schön?"
Joakim Langer, Hélena Regius: Pippi & der König. Auf den Spuren von Efraim Langstrumpf. List, München. 234 S., 19 EUR.
Erschienen
am 6. März 2004 in „Die Welt“
Haßmersheim - Vor vier Wochen klingelte das Telefon von Bürgermeister Marcus Dietrich in Haßmersheim im Neckartal. Der Filmproduzent Thorsten Wegener aus München hatte eine Frage: "Kennt sich bei Ihnen jemand mit Pippi Langstrumpf aus?" Marcus Dietrich glaubte zuerst an einen Scherz. Tatsächlich aber muss nach diesem Anruf die Stadtgeschichte Haßmersheims neu geschrieben werden.
Der Produzent arbeitet zurzeit an einem Kinofilm über das Leben von Efraim Langstrumpf, Pippis Vater. Der schwedische Schriftsteller Joakim Langer hat nämlich herausgefunden, dass es Vater Langstrumpf tatsächlich gegeben hat. Das Vorbild für die Romanfigur war Schwede und Anfang des 20. Jahrhunderts König auf der Insel Tabar nahe Australien. Seine Untertanen nannten ihn "Kung Carl". Langer entdeckte auch, dass dieser Carl Verwandte in Deutschland hat. Er und Pippi sind mit Theodor Heuss, dem ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland, verwandt. Und dessen Familie stammt aus Haßmersheim. Daher der Anruf.
Bürgermeister Dietrich hat seitdem einen kleinen Scherz in seine Reden eingebaut. Er sagt jetzt: "Haßmersheim hat zwei bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht. Theodor Heuss und Pippi Langstrumpf, deren Ehemann hier geboren wurde." Dann lachen seine Zuhörer und nehmen sich vor, den Herrn Bürgermeister zu fragen, wie er das gemeint haben könnte.
Für die genauen Verwandtschaftsverhältnisse aber ist Fritz Müßig zuständig, der seit über dreißig Jahren Stammbaumforscher aus Passion ist. Er hat recherchiert und festgestellt, dass Philipp Hartmann Heuß aus Haßmersheim, der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater von Theodor Heuss ist. Selbiger Hartmann Heuss ist auch der Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßvater von Karl Hörler. Und der hat Elsa geheiratet, die Tochter von "Kung Carl". Die echte Pippi sozusagen.
Das hat in Haßmersheim für große Aufregung gesorgt. Der Buchhändler hat seine Lindgren-Bestände aufgefüllt und plant Pippi-Langstrumpf-Nächte. Das Buch über Efraim Langstrumpf verkauft sich blendend. Und in der Volkhochschule beschäftigt sich ein Arbeitskreis mit Pippis deutscher Verwandtschaft. Die 3614 Einwohner Haßmersheims wissen um die Verbindung der beiden großen Familien und laden ein, die Familiensitze der Protagonisten zu bestaunen. Bei Terminen zum Thema fehlt der Bürgermeister nie.
Für Klaus Schmitt hat die ganze Aufregung Klarheit gebracht. In den letzten Jahren wollten mehrfach Touristen aus Papua-Neuguinea und Australien sein Haus besichtigen. Heute weiß er, dass das Pippis Nachfahren waren, die die Wiege ihrer Familie besuchen kamen. Denn in Schmitts Haus hat die Familie Hörler über Generationen gelebt.
Die Telefonnummern, die die Besucher hinterlassen haben, hat Klaus Schmitt in den letzten Wochen häufiger gewählt. Nur abgenommen hat niemand. Dabei würde Haßmersheim so gern den Kontakt zum anderen Ende der Welt aufnehmen. Ein bisschen plaudern über die Gemeinsamkeiten.
Erschienen am 30.
Mai 2004 in der „Welt am Sonntag“